vorgestellt

 

Ute Latendorf

Heimat. Flucht. Vertreibung – Abschied und Neubeginn

mit Bildern von Ursel Dörr, München :  ewigedition
(Fölbach Medienservice), 2016, 124 S., € 19,90

 

Die Autorin lebt als Lyrikerin und Fotografin in Buxtehude. Flucht und Vertreibung haben sie nur mittelbar betroffen, und die Erlebnisse und Traumatisierungen ihres aus Ostpreußen stammenden Vaters und seiner Familie hat sie – wie so viele der in den frühen 1950er Jahren Geborenen – lange nicht wahrhaben wollen, und zwar nicht zuletzt, weil (wie sie festhält) »eine offene Aussprache über die Vergangenheit in unserer Familie nicht möglich« war (S. 31). Ute Latendorfs Auseinandersetzung mit den prägenden Erfahrungen von Flucht und Vertreibung und mit dem komplexen Begriff »Heimat« lässt sich somit auch als eigene Spurensuche verstehen :  Sie verbindet Informationen über die eigene Familie mit den pointiert erzählten Lebensgeschichten von elf Menschen, die aus Ost- und Westpreußen, aus Pommern, Schlesien und dem Baltikum kommen und ihre Heimat am Ende des Zweiten Weltkriegs verloren haben. Zu ihnen gehören auch Arno Surminski, der einen eigenen Text über die Verlorene Heimat beigesteuert hat, sowie die in Osterode geborene Ursel Dörr, von der eine Serie von zwölf ansprechenden, stimmungvollen Landschaftsaquarallen stammt.

 

Dabei bilden diese Bilder sowie die Lebensgeschichten nur zwei der Achsen, die dieses Buch durchziehen ;  denn die einzelnen Abschnitte werden zudem durch lyrische Texte verknüpft, die Ute Latendorf teils selbst verfasst, teils geschickt aus dem Volksliedgut oder aus dem Werk anderer Lyrikerinnen bzw. Lyriker ausgewählt hat. Dieses Ensemble wird um thematisch weiterführende Kapitel – zur Wolfsschanze, zum Tag der Heimat wie zur aktuellen Flüchtlingsproblematik – ergänzt ;  und schließlich binden die äußerst gelungen, sehenswerten Fotografien der Autorin, in denen sie nicht nur die Zeitzeugen porträtiert, sondern auch Eindrücke von eigenen Reisen ins heutige Polen vermittelt, das Ganze auch ihrerseits zu einer Einheit zusammen.

 

Aus der Position einer Nachgeborenen, die nicht selbst betroffen ist, aber höchst einfühhlsam dem Schicksal anderer Raum gibt, schafft Ute Latendorf auf diese Weise einen vielgestaltigen und abwechslungsreichen Band, der den Lesern mancherlei Anregungen zum Schauen und Nachdenken gibt – und sie einlädt, zwischen den unterschiedlichen Themen und Kunstformen eigene spannungsvolle Verbindungen herzustellen.

Erik Fischer