vorgestellt

 

Dwa wieki spockiego szkolnictwa

[Zwei Jahrhunderte des Zoppoter Schulwesens]

 

2015 ist im Rathaus der Stadt Zoppot eine umfangreiche lokalgeschichtliche Studie vorgestellt worden. Auf immerhin 488 Seiten (im Format DIN A4) gehen die beiden Autoren Józef Golec und Rajmund Głembin der Geschichte des Zoppoter Schulwesens nach, und zwar von seinen Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart hinein.

 

Nach den vorliegenden Quellen begann die Entwicklung im Jahre 1817, als die Schule in der damaligen Pommerschen Straße eingerichtet wurde. Obwohl dort Kinder beider Konfessionen unterrichtet wurden, hieß sie von Anfang an Evangelische Schule, weil die meisten Schüler wie auch der erste Lehrer – Anton Kriessel – evangelisch waren. Im Schulgebäude befanden sich ein Klassenzimmer und die Wohnung des Lehrers. Wenig später – inzwischen war aus Zoppot dank der Initiative von Jean Georg Haffner ein Kurort geworden – sorgte der damalige Fürstbischof von Ermland und Abt von Oliva, Josef von Hohenzollern, für die Herstellung einer konfessionellen Parität: Er kaufte im Jahre 1836 an der Kreuzung Danziger Straße / Karlikauer Weg ein Stück Land von dem Gutsbesitzer Wegner und ließ aus eigenen Mitteln ein Schulgebäude bauen, das bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Fürstenschule genannt wurde (und bis zum heutigen Tag als Schulgebäude genutzt wird).

 

Von diesen Anfängen an verfolgen die beiden Autoren mit großer Genauigkeit, und stets auch im Blick auf den wirtschaftlichen und kulturellen Kontext der Stadt, die Entfaltung des Schulsystems. Sie schildern dessen Ausdifferenzierung, die sich z. B. in der Einrichtung einer Fortbildungsschule, einer Höheren Knabenschule (beide 1880) oder einer landwirtschaftlichen Winterschule (1887) zeigt, und sie erfassen so vollständig wie irgend möglich die einzelnen Gebäude und deren Geschichte sowie die Namen von Schulleitern, Schulleiterinnen und Lehrern, die dank der intensiven Auswertung der vorhandenen Dokumente auch als individuelle Persönlichkeiten kenntlich werden. Dabei ergibt sich beispielsweise, dass 14 von 47 der vorgestellten Pä­da­gogen einen Doktortitel führten, was in jener Zeit zwar keine Seltenheit war, aber doch auf ein hohes Niveau der Zoppoter Schul­bildung zu schließen erlaubt.

 

Dieses Konzept wird – aufgrund der besseren Quellenlage zunehmend lückenloser – auch über die Zäsur von 1945 hinaus weiterverfolgt. In diesem Teil werden verstärkt auch Schulinspektoren, Visitatoren, Leiter der Schulaufsichtsbehörde der Woiwodschaft, deren Mitarbeiter sowie Personen berücksichtigt, die sich um das Zoppoter Schulwesen verdient gemacht haben. – Insgesamt zeichnet sich der umfangreiche Teil der (mehr als 300 Einträge umfassenden) Biographien bei der Auswahl der Personen wie der Darstellung durch eine große Neutralität aus – wie überhaupt das Hauptziel der Autoren anscheinend in der Sammlung und Bewahrung von Zeugnissen und Informationen gelegen hat.

 

Józef Golec und Rajmund Głembin haben ein gediegen gestaltetes und ausgestattetes, im mehrfachen Sinne gewichtiges Buch konzipiert, verfasst und arrangiert und dadurch einen regelrechten Wissens­speicher geschaffen.

 

Der Titel ist im Online-Katalog der Deutschen Nationalbibliothek unter http://d-nb.info/1065317530 nachgewiesen.

 

Prof. Dr. habil. Mieczysław Gulda (Danzig) / DW

 

 

Unbeschwerte Zeit!? Jugendjahre auf ostpreußischen Gütern und Landschlössern

 

Hrsg. vom Kulturzentrum Ostpreußen in Ellingen

Forschungen und Dokumentationen, die den Ansatz der „Oral History“ verfolgen, gewinnen zunehmend an Bedeutung, weil viele der Zeitzeugen – wenn überhaupt – nur noch für eine kürzere Zeit befragt werden können.

 

Dieses Feld bestellt das Kulturzentrum Ostpreußen mit großer Intensität. So folgt bereits kurze Zeit nach dem Projekt Allenstein – Stadt unserer Jugend eine Edition, die sich der 1945 untergegangenen Welt des ostpreußischen Adels zuwendet. Gemeinsam mit Gabriela Czarkowska-Kusajda hat der Direktor, Wolfgang Freyberg, vom Frühjahr 2014 an über etliche Monate Nachkommen einiger „großer“ ostpreußischer Familien befragt. So kommen 16 Trägerinnen und Träger immer noch wohlklingender Namen wie von Kuenheim, zu Dohna oder von der Groeben zu Wort. Die Jugenderinnerungen dieser Personen lassen ein vielschichtiges, auch wechselseitig gebrochenes Bild entstehen. Dabei können die Befragten ihre Sichtweisen frei entfalten, was der Offenheit und Authentizität der Äußerungen sicherlich zugutekommt: Eine kritische Einschätzung oder ein Vergleich der unterschiedlichen Perspektiven überlassen die Herausgeber den Hörerinnen und Hörern. Gelenkt aber sind die Interviews gleichwohl, und zwar im Blick auf die thematischen Aspekte, die bei den Einzelgesprächen jeweils angesteuert worden sind und der die beiden Audio-CD ihre inhaltliche Rasterung verleihen: Die sozialen, geschichtlichen, politischen, ideologischen, familiären und individuellen Erfahrungsfelder reichen zum einen von der Weimarer Republik, der Monarchie und dem Kaiserhaus über den Nationalsozialismus (mit dem naheliegenden speziellen Moment der Hitlerjugend) bis zum Widerstand und der Wahrnehmung von Kriegsgefangenen. Die zweite Einheit der Tondokumente berührt – zum anderen – die Flucht und das Kriegsende, den Neuanfang und die spätere Kontaktaufnahme zur alten Heimat. Gerade diese kluge Fokussierung auf gemeinsame Orientierungspunkte lässt übereinstimmende, aber auch deutlich differierende Muster der Erinnerungsarbeit sowie der dabei entstehenden „Realität“ erkennbar werden.

 

Die beiden Tonträger sind Teil einer reich bebilderten Broschüre, in der das Unternehmen vorgestellt, die Gruppierungen der einzelnen Interview-Partien erschlossen und die 16 Adelssitze kompakt und sehr anschaulich präsentiert werden. Dieses geschickte, Ohr und Auge gleichermaßen ansprechende Arrangement bildet eine weitere überzeugende Publikation des Kulturzentrums Ostpreußen, der gerade als Beitrag zur „Oral History“ für eine angemessene Reaktion auf die aktuellen Anforderungen an heutige Museumsprojekte eine geradezu exemplarische Bedeutung zukommt.

 

(Die Dokumentation ist über den Museumsladen in Ellingen zum Preis von € 9,– erhältlich, www.kulturzentrum-ostpreussen.de/laden.php)

DW

 

Erschienen in Heft 5/2016